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Der Kampf ums Augenlicht

In Asien sind ungewöhnlich viele Menschen kurzsichtig. Den meisten ist bereits mit einer Brille geholfen. Bei einigen wenigen aber stellen sich Komplikationen ein – sie verlieren ihre Sehkraft, und da hilft auch keine Brille mehr. Forscher arbeiten an neuen Behandlungsmöglichkeiten gegen die gefährliche Augenkrankheit, die den Namen myopische choroidale Neovaskularisation, kurz mCNV, trägt.

Sharifah Sehah brachte gerade ihren Haushalt auf Vordermann, als sie plötzlich bemerkte, dass sie mit dem rechten Auge ihre Umgebung nur noch verschwommen wahrnahm. Sehah ist zwar kurzsichtig und trägt bereits seit langem eine Brille, doch so etwas hatte sie noch nicht erlebt. Überrascht deckte sie ihr linkes Auge mit der Hand ab. „Und dann sah ich es: Da war ein Fleck, ein sehr großer Fleck, der die Sicht meines rechten Auges völlig überlagerte.“


Besorgt und verstört konsultierte die damals 61-jährige Sehah einen Arzt an der Poliklinik. Von dort wurde sie an das National Eye Center im Singapore General Hospital überwiesen, an dem ihre Krankheit schnell diagnostiziert werden konnte: myopische choroidale Neovaskularisation, kurz mCNV. Seit diesem Tag vor knapp zwei Jahren fürchtet sie um ihr Augenlicht.


An mCNV können stark kurzsichtige Menschen erkranken. Bei Kurzsichtigkeit sind die Augäpfel zu lang, daher geraten die Netzhaut und die darunter liegenden Schichten unter Spannung. In schlimmen Fällen bilden sich in den unteren Schichten dann abnorme und empfindliche Blutgefäße, die in die Netzhaut einwachsen und aus denen Blut und Gewebeflüssigkeit sickern können. Ohne Therapie kann dies mit der Zeit zur Bildung von Narben und zum vollständigen Verlust der Sehkraft führen.


Obwohl es noch keine standardisierte Therapie für mCNV gibt, könnte eine medizinische Behandlung die beste Chance auf Heilung versprechen. Die Patientin Sharifah Sehah aus Singapur hat sich für eine medikamentöse Therapie entschieden.

Von Kurz- und Weitsichtigkeit Video Video Von Kurz- und Weitsichtigkeit

In Asien ist der Anteil kurzsichtiger Menschen an der Bevölkerung weltweit am höchsten. Allein in China sind schätzungsweise 400 Millionen Menschen kurzsichtig, laut Berichten der China Daily und der Xinhua News Agency. Gar 50 bis 60 Prozent der chinesischen Jugendlichen seien kurzsichtig.


In Singapur sind besonders auch Kinder von Myopie betroffen, wie das Singapore Eye Research Center in einer aktuellen Studie belegt: „Wir haben sechs- bis neunjährige chinesische Kinder aus Singapur mit gleichaltrigen chinesischen Kindern aus Sydney verglichen. Dabei stellten wir in Singapur eine Myopie-Rate von 30 Prozent fest, in Australien jedoch nur von drei Prozent. Somit ist die Häufigkeit in Singapur zehnmal höher als in Australien“, erläutert der Leiter des Forschungszentrums, Professor Tien Yin Wong. Dahinter könnte sich mangelnde Bewegung verbergen; auch verbringen Kinder in Australien mehr Zeit im Freien, so Wong.


Ein geringer Teil der Patienten mit starker Kurzsichtigkeit erkranken an mCNV. Unbehandelt verschlechtert sich mCNV stetig – oft werden die Patienten am Ende blind. In den vergangenen Jahren gab es zwar einige Fortschritte in der mCNV-Therapie, doch bis heute existiert keine Standard-Behandlung. „Derzeit werden mehrere Therapiemöglichkeiten erforscht“, sagt Wong. Zum Beispiel Injektionen von Medikamenten ins Auge, die das Austreten von Blut und Flüssigkeiten aus den abnormen Gefäßen aufhalten sollen.


Mit einer solchen Behandlung wollen die Ärzte auch das Augenlicht von Sharifah Sehah retten. Aber allein schon der Gedanke daran ängstigte sie. Tagelang überlegte Sehah gemeinsam mit der Familie, wog Für und Wider ab. Schließlich sagte sie zu. Nach der ersten Injektion unter lokaler Betäubung atmete sie erleichtert auf: Die Realität entpuppte sich als längst nicht so schlimm wie ihre Vorstellung: „Die Injektion fühlte sich an wie eine Wimper, die ins Auge geraten war.“


Die Behandlung wirkte. Nach drei Injektionen – über mehrere Monate verteilt – verbesserte sich ihr Zustand. Ein für Professor Wong „sehr zufriedenstellendes Ergebnis“.


Am National Eye Center im Singapore General Hospital sucht Professor Tien Yin Wong nach innovativen Therapiemöglichkeiten. Sein Ziel ist es, eines Tages die Erblindung als Folge der gefährlichen Augenkrankheit mCNV vollständig verhindern zu können. Ein neu entwickelter Wirkstoff verspricht Hoffnung.

Im Interview: Prof. Tien Yin Wong Video Video Im Interview:
Prof. Tien Yin Wong

Seit Jahren sucht Professor Wong nach optimalen Therapien. In der aktuellen Studie, an der Patienten aus Asien (wie zum Beispiel: Japan und Singapur) teilnehmen, testen Wissenschaftler des Singapore Eye Research Institutes derzeit einen neuen Wirkstoff zur Therapie von mCNV.


Dabei vertrauen die Augenärzte auch auf modernste bildgebende Verfahren, mit denen sie die Vorgänge in den Augen der Probanden visuell darstellen und messen können. Im Singapore Advanced Imaging Laboratory for Ocular Research (SAILOR) arbeitet ein interdisziplinäres Team von Informatikern, Augenärzten und anderen Spezialisten gemeinsam an der Auswertung von Patientendaten, die an verschiedenen Standorten in ganz Asien gesammelt wurden.


„Die myopische choroidale Neovaskularisation ist ein vergleichsweise neues Problem. Wir verfügen zwar jetzt über einige Präparate, mit denen sich die Krankheit kurzfristig wirksam behandeln lässt. Aber wir brauchen weitere Forschungsarbeiten, um die Langzeit-Ergebnisse beim Einsatz solcher Medikamente zu verstehen“, sagt Wong, der auch als Co-Direktor des SAILOR fungiert. Dabei haben die Wissenschaftler vor allem die Sicherheit ihrer Patienten im Auge. Auch prüfen sie, ob die neuen Wirkstoffe bei unterschiedlichen Formen der Krankheit wirksam sind.


Noch sind die Forscher nicht am Ziel. Doch die derzeitigen Studien und die daraus gewonnenen Erfahrungen nähren die Hoffnung auf ein besseres Verständnis der Krankheit und ihrer Therapie. Professor Wong bringt die Erwartung auf den Punkt: „Sehen zu können, ist sehr wichtig für unser Leben. Wer nicht mehr sehen kann, verliert viel von seiner Lebensqualität. Wir hoffen, dass wir schon bald den vollständigen Sehverlust kurzsichtiger Menschen verhindern werden.“


Das hilft nicht nur Sharifah Sehah, sondern auch vielen anderen Menschen, für die Zukunft Hoffnung zu schöpfen.

Text: Armin Stelljes

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