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Einfälle für Abfälle

Abfall ist in der Megastadt São Paulo ein Riesenproblem - Wiederverwertung ein Fremdwort. Alexandre Braz hat das Dilemma seiner Heimatstadt schon in jungen Jahren erkannt.

Als College-Student gründete der Brasilianer eine Recycling-Firma, die heute erfolgreich läuft. Dafür wurde er von Bayer und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) im Rahmen ihrer Partnerschaft in der Jugend-Umweltarbeit als sogenannter Umweltbotschafter nominiert.


Jahr für Jahr lief er durch die Straßen seiner Stadt und erklärte den Bewohnern, dass es so nicht weitergeht. Damals war Alexandre Braz gerade einmal 19 Jahre alt, aber die Not in São Paulo war nicht nur für ihn unerträglich geworden. Täglich produzierten die rund elf Millionen Einwohner tonnenweise Abfall – und niemand sah einen Sinn darin, den Müll wiederzuverwerten. Wenn die randvollen Deponien der Industriemetropole keinen Abfall mehr aufnehmen konnten, wurde einfach ein Großteil in andere Städte gebracht.


Alexandre Braz gründete damals, im Jahr 2007, das Instituto Muda, eine Initiative für gezieltes Recycling. Er stellte Container für die Mülltrennung vor die Häuser seiner Heimatstadt und klärte die Bewohner über Müllsorten und ihre Wiederverwertung auf. Vier Jahre später hat sich sein Instituto zum wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen gewandelt. Mehr als 300 Tonnen Müll wurden dort bis Mitte 2012 getrennt. Mit dieser Erfolgsbilanz qualifizierte sich der heute 23-Jährige als Umweltbotschafter im Rahmen des Programms Bayer Young Environmental Envoy, das Bayer und UNEP seit 1998 gemeinsam ausrichten.


Jahr für Jahr reisen bis zu 50 junge und engagierte Auserwählte auf Einladung von Bayer und UNEP für eine Woche nach Deutschland. Die Exkursion vermittelt den Teilnehmern, wie ein hoch entwickeltes Industrieland seinen Umweltschutz organisiert – als Staat, in der Industrie und in privaten Haushalten. Mit diesem Wissen kehren die Besucher dann in ihre Heimatländer zurück, um dort mehr für den Umweltschutz tun zu können.


Im Oktober 2011 war auch Braz dabei. Als einer von vier Vertretern aus Brasilien und einer von 47 Umweltbotschaftern hat sich Braz mit seinem Einsatz für die Müllverwertung seiner Heimatstadt qualifiziert. Die Gewinner kamen aus 18 Ländern in Asien, Afrika und Südamerika. Keiner von ihnen war älter als 24 Jahre, und jeder arbeitete bereits aktiv im Umwelt- oder Klimaschutz.


„Wenn ich könnte, würde ich den gesamten Müll aus São Paulo recyceln“, sagt Alexandre Braz. Den gesamten Müll? Also rund 17.000 Tonnen jeden Tag? Auf das Jahr hochgerechnet mehr als sechs Millionen Tonnen? Ein großes Ziel. Dennoch machte Braz den ersten Schritt vom Traum zur Wirklichkeit, und das bereits vor fünf Jahren.

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Achim Steiner

Damals gründete der Student das Instituto Muda. Inzwischen hat sich die studentische Initiative zu einem kommerziell erfolgreichen Entsorgungs- und Recyclingunternehmen mit 13 Mitarbeitern entwickelt. Täglich werden bis zu zwei Tonnen Müll am Instituto Muda in der Rua Maragojipe im Osten São Paulos angeliefert: Papier, Kunststoff, Kleidung, Glas, Metall. Dass Bewohner ihren Müll trennen, ist nicht selbstverständlich. Schließlich gibt es bisher kaum kommunal organisierte Systeme. „Nur etwa ein Prozent des Hausmülls wird von der Stadt gesammelt“, sagt Braz.


Zu den ersten Aufgaben seiner Firma gehörte deshalb die gezielte Aufklärung der Einwohner über verschiedene Müllsorten und ihre Trennung. Ein mühseliger Anfang, denn Braz und seine Mitarbeiter mussten von Tür zu Tür gehen. Immer wieder klingelten sie und informierten die Bewohner. Ins Visier nehmen sie auch heute vor allem große Wohnhäuser mit vielen Haushalten, weil sich hier die Sammelcontainer schnell füllen lassen. „Inzwischen haben wir über 4.000 Haushalte aufgeklärt und sammeln in 45 Wohnkomplexen“, sagt der Unternehmer.


Die meisten seiner Mitarbeiter sind mit dem Transport und der Trennung der Wertstoffe beschäftigt. Kunststoffe und Papier werden verkauft, selbst für Sonderabfälle wie Batterien gibt es Abnehmer. Rund 80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Absatz solcher Wertstoffe. Die übrigen 20 Prozent steuert ein Investor bei, der irgendwann auch eine Rendite sehen möchte. Deswegen will Instituto Muda möglichst schnell weiter expandieren und die Einnahmen steigern.


Wachstum steckt schließlich schon im Namen: „Muda“ heißt Pflänzchen oder Keimling. Es erinnert auch an das portugiesische Wort „mudar“ – verändern. Verändern soll sich auch etwas in den Köpfen der Einwohner. „Wenn die Menschen den Müll trennen, fangen sie vielleicht auch an, über Energie, Wasser und Ressourcenschonung nachzudenken“, sagt der Jungunternehmer. Genau das ist sein nächster Traum.


So etwas hat Alexandre Braz noch nie gesehen. In Leverkusen schaut er zu, wie selbst nicht recyclingfähiger Restmüll noch verwertet wird. Hier, in der Firma Avea, dem kommunalen Müllentsorger, wird er verbrannt und liefert Strom und Fernwärme.

Zusammen mit knapp 50 anderen jungen Umweltbotschaftern ist Braz hier, um etwas zu lernen. Es ist eine von mehreren Exkursionen, an denen die Gäste im Oktober 2011 teilnehmen. Braz sieht, was der Entsorger mit den Abfällen aus der Region macht – und dass es eigentlich keinen Müll gibt.


Dabei kennt sich der Brasilianer mit dem Wiederverwerten aus. Gerade im Bereich Hausmüll ist er ein Experte, denn in São Paulo betreibt er ein kleines Recycling-Unternehmen. Ein so umfangreiches Verwertungskonzept ist auch für ihn beeindruckend: „Mich hat am meisten überrascht, wie hier buchstäblich der gesamte Müll als Wertstoff genutzt wird. Einzigartig.“



Der Besuch beim Entsorger ist nur einer von zahlreichen Programmpunkten für die jungen Umweltbotschafter während ihrer Woche in Deutschland. Dazu gehört auch eine Exkursion auf dem Rhein. An Bord der „Max Prüss“ konnte Braz vom Bootsrand aus beobachten, wie ein Experte Wasserproben aus dem Rhein entnahm. Das Laborschiff des Landesumweltamtes NRW ist ständig unterwegs, um die Qualität der Gewässer in Nordrhein-Westfalen zu überwachen.


Neben zahlreichen Vorträgen und Diskussionen lernten die Gäste aus aller Welt auch eine Menge über Bayer. Unter anderem besuchten sie das Entsorgungszentrum des Chempark Leverkusen. Dank einer hochmodernen Drehofentechnologie werden dort sogar chemische Sonderabfälle unschädlich gemacht. Die Botschafter erfuhren darüber hinaus auch etwas über das Projekt „Dream Production“. Darin versucht Bayer gemeinsam mit Partnern, das klimaschädliche Abgas CO2 zu einem Rohstoff für die Polymersynthese zu machen. In einer weiteren Veranstaltung vermittelten Mitarbeiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) den Jugendlichen, wie sie mit ihren Initiativen die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen noch besser erreichen und noch mehr Mitstreiter einbinden können. „Das sind sehr gute, informative Workshops“, lobte Teilnehmer Michael Muli aus Kenia. Der junge Umweltbotschafter tauschte sich auch intensiv mit den anderen Teilnehmern aus und erfuhr so eine Menge über die Umweltsituation in Ländern wie Ecuador, Indonesien, Thailand oder den Philippinen. Er lernte, wie seine Kollegen vor Ort arbeiten. „Einige Informationen sind auch für mein Projekt hilfreich“, sagte Mary Jade Gabanes, die auf den Philippinen mit behinderten Kindern Umweltarbeit betreibt. María Rosa Reyes Acosta aus Ecuador fand es „sehr inspirierend, Leute zu treffen, die über Probleme nachdenken und versuchen, diese zu lösen“.


„Das war eine sehr spannende Woche“, sagt Alexandre Braz, „sie wird mir unvergesslich bleiben.“ Und während er viel erlebt und gelernt hat, sammelten seine Mitarbeiter zu Hause weiter Müll ein. Auch wenn die Verwertung noch nicht so umfassend ist wie in Leverkusen – so bleibt sein Engagement ein wichtiger Beitrag, um die Müllsituation in São Paulo zu verbessern.

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